„Dieses Rumschreien, das kannte ich eigentlich nicht von meiner alten Lehrerin. Auch von der Lehrerin davor nicht. Also, von der alten kannte ich das schon. Aber da hat es eigentlich nie mich betroffen. Also, es war... Ich kann einfach sagen: Es ist ein Riesenunterschied gewesen. Da war einfach auch die Anforderung nicht so hoch. Die wurde minimal gehalten. Und da hatte ich dann wirklich immer nur Einsen und Zweien.“ (Christian)
Interview

Auf Augenhöhe – Interview mit Hubertus Siegert

Was hat Sie daran gereizt, einen Film über diese Schulklasse zu machen?

Ich wollte beobachten, wie sich die verschiedenen Kinder in dieser ungewöhnlichen Klasse entwickeln, und herausfinden, wie man das zu einem Film zusammen fügen kann. Ich wollte also nicht das Konzept dieser Schule dokumentieren, sondern sehen, was in der Klasse passiert. Ich wollte die Kinder kennenlernen. Es ist ja nicht so, dass da eine Integrationsklasse aus behinderten und begabten Kindern besteht und gleich alles problemlos läuft, nur weil man es gut findet. Mich haben  die Widersprüche gereizt, die bei der Umsetzung von Konzepten notwendig immer entstehen. Gerade die bestimmende Art der Klassenlehrerin war für mich bei den Dreharbeiten mindestens so eine Herausforderung wie die gleichberechtigte Anwesenheit der Behinderten.

Ein anderer Aspekt für mich war, dass über Bildung viel geredet wird, wobei kaum einer weiß, wie das heute im Alltag aussieht, wie sich Unterricht für Kinder anfühlt. Gerade die Diskussion um die PISA-Studie ist viel zu abstrakt, und die emotionale Einschätzung von Schule basiert bei den meisten Leuten auf der Erinnerung an ihre eigene Schulzeit, aus der dann eine Idealvorstellung abgeleitet wird, also entweder „Genauso, bitte!“ oder „Unbedingt ganz anders!“. Klassenleben sollte eine Auffrischung aus einer ganz anderen Richtung werden. Ich fand es spannend, einen emotionalen Raum für die Auseinandersetzung mit Pädagogik zu öffnen.

War Nicolas Philiberts Film ‚Sein und Haben‘ ein Vorbild für Sie?

Der Erfolg von ‚Sein und Haben‘ hat gezeigt, dass es ein Kinopublikum gibt für reale Kinder in einer realen Schule. Das hat bei der Finanzierung des Films durchaus geholfen.

Ich hatte aber von vornherein ein anderes  Konzept als Philibert. Ich habe mich weniger für die Lehrer interessiert, sondern wollte konsequent die Perspektive der Kinder einhalten und ihre Standfestigkeit, Zweifel und Gefühle verfolgen. Je näher man den Kindern ist, desto sichtbarer werden die Widersprüche in den Wirkungsmöglichkeiten der Pädagogik: Es klappt eben nicht immer so, wie die Lehrerin es sich vorstellt, und nicht allzu selten klappt es trotzdem.

‚Klassenleben‘ setzt eine große Offenheit aller Beteiligten voraus. Wie haben Sie die Schule und Lehrer und vor allem die Kinder und Eltern zum Mitwirken bewegen können?

Ich hatte das große Glück, dass die Schule mich von Anfang an unterstützt hat und es eine große Bereitschaft gab, die Schule ungeschönt zu präsentieren; von der Direktorin Elke Hübner über die Klassenlehrerin Gudrun Haase bis zu Fred Ziebarth, der in seinem Bereich der sonderpädagogischen Integration ein Pionier ist. Ich habe mein Konzept ohne Rückbehalte vorgestellt, und wir haben mit den Eltern und den Kindern offen darüber gesprochen, was es bedeuten kann, sich öffentlich auf der Leinwand zu sehen und sich damit auseinander setzen müssen, wie man rüberkommt. Auf dieser Grundlage haben wir dann entschieden, den Film zu machen.

Alle Beteiligten hatten ein Vetorecht gegen die Verwendung einzelner Aufnahmen. Bei den Sichtungen in den verschiedenen Phasen des Filmschnitts gab es dann auch längere Diskussionen zu einzelnen Szenen oder Sätzen, allerdings nie zu der grundsätzlichen Haltung und Perspektive des Films. Diese Diskussionen waren sehr wichtig, sowohl für uns als Filmemacher als auch für die Beteiligten. Manches haben wir verändert – besonders wenn wir gemerkt haben, dass wir eigenen Klischeevorstellungen aufgesessen waren. Die meisten Punkte konnten wir aber in der direkten Auseinandersetzung verständlich machen. Unabhängig von aller Überzeugungsarbeit: Letztlich bin ich den Eltern, Kindern und Lehrern für ihr großes Vertrauen einfach dankbar.

Wie haben Sie die Dreharbeiten mitten im Schulgeschehen erlebt?

Es war zunächst mal ein enormer Stress, ein dauernder diplomatischer Balanceakt in der Kommunikation mit den Lehrern und Kindern. Bevor die Kamera läuft, versucht man sich zu verabreden – was in der Dynamik eines Schultages dann oft nicht klappt, aber doch immer wieder nötig ist. Wenn die Kamera dann läuft, muss man ständig abwägen, was man macht und auf was man verzichtet, um die Klasse nicht zu stören. Man weiß nicht, was als nächstes passiert, ob es filmenswert ist, ob es zu etwas bereits Gedrehtem passen könnte, ob man, was die schlimmste Frage ist, noch etwas braucht, um eine Situation oder einen Strang zu Ende erzählen zu können. Wenn man im Dokumentarfilm ohne Kommentar arbeitet, dann ist es einfach schwierig, aus beobachteten Situationen genügend Steinchen für ein 90minütiges Mosaik zu gewinnen. Gegen Ende der Dreharbeiten, als schon viele Eckpunkte für die Filmerzählung feststanden, war ich sehr viel gelassener. Erstaunlich finde ich, dass mein Stress zumindest den Kindern nicht im Gedächtnis geblieben ist. Das Team hat mich leider auch anders erlebt.

 Eine andere wesentliche Erfahrung war für mich, dass die Beobachtung des Klassenlebens sehr stark mit meiner eigenen Anteilnahme verknüpft war. In den Konflikten zwischen Pädagogen und Kindern z.B. habe ich mich auf Seiten der Schüler gefühlt, was dazu geführt hat, dass ich entsprechend berührt, wütend, enttäuscht, erstaunt oder auch begeistert war. Besonders beeindruckt hat mich der Umgang mit Lena, dem schwer kranken Mädchen in der Klasse, mit der ich nur über körperliche Berührungen Kontakt aufnehmen konnte. Wenn sie plötzlich aus der Bewegungslosigkeit ihrer Lähmung erwachte, war das überwältigend, da sie ganz offensichtlich auf die Stimmung der Klasse reagierte. Dass einige Kinder sie in der Vorschule noch als ganz gesundes Mädchen erlebt hatten, hat solche Momente besonders intensiv gemacht.

Glauben Sie, dass die Filmaufnahmen und die Anwesenheit der Kamera das Verhalten der Kinder beeinflusst haben?

Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Kinder davon sehr beeindruckt waren. Im Laufe der Dreharbeiten wurde unsere Präsenz für die Kinder auch immer selbstverständlicher und fließender, bis sie sich eigentlich nur noch mit ihren eigenen Dingen beschäftigt haben. Vielleicht haben einige das, was uns offensichtlich interessiert hat, intensiver betrieben, als sie es sonst getan hätten. Schwieriger war die Situation wahrscheinlich für die Lehrer, die unter Beobachtung der Kamera noch einmal ganz anders auf dem Prüfstand stehen. Den Mut und die Bereitschaft, auch Grenzen sichtbar werden zu lassen, haben mich sehr beeindruckt.

Die Kinder reflektieren im Film viel über sich und die Klasse. Warum haben Sie dafür die Form desVoice Over gewählt?

Diese Entscheidung haben wir während der Dreharbeiten getroffen. Es war klar, dass wir die Dichte, die wir im Film wollten, nicht allein durch beobachtete Szenen hinbekommen würden. Wir wollten also die Statements der Kinder, aber den Fluss der Szenen nicht durch Interviewbilder unterbrechen und auseinanderreissen – die Bildebene sollte dem Klassenleben vorbehalten sein. Eine Ausnahme ist die Klassenlehrerin, die bei einer Supervision ihres Teams über ihren Konflikt mit einem der Kinder spricht  – diese Szene erinnert im Film an eine Interviewsituation und setzt sich in der Form bewusst von den Erzählungen der Kinder ab.

Wie fanden die Kinder den fertigen Film?

Alle haben überraschend sentimental reagiert. Sie waren von der Stimmung des Films und ihrer eigenen Ausstrahlung als Klasse sehr beeindruckt und fanden, dass sie „damals“, bei den Dreharbeiten ein halbes Jahr zuvor, „irre aktiv“ gewesen seien. Das Erstaunliche war, dass die Kinder ihre Gegenwart in der Klasse nach dem Film als weniger intensiv und aktiv empfunden haben, obwohl mir die Klassenlehrerin bestätigte, daß sich seitdem nichts Wesentliches geändert habe. Die Ausdrucksmöglichkeiten eines Kinofilms bewirken offenbar ein bigger than life-Phänomen, das die eigene unmittelbare Erinnerung übersteigt. Das hat mich überrascht.

War die Arbeit an ‚Klassenleben‘ für Sie auch eine Art Zeitreise in Ihre eigene Schulzeit?

Meine Schule hatte so wenig mit dem zu tun, was ich an der Fläming-Schule gesehen habe, dass mir die Monate, die ich dort war, nie als Zeitreise vorgekommen sind. Den Konflikt zwischen Lehrerautorität und Selbstorganisation der Kinder, den ich dort erlebt habe und der im Zentrum des Films steht, kannte ich aus meiner Schulzeit nicht. Damals regierte eine Lehrerautorität, die Unterricht als Ansetzen des ‚Nürnberger Trichters‘ auf die Kinderköpfe verstanden hat.

Ich hatte ein paar Deja-Vu-Situationen, als die Kinder sich ungerecht behandelt gefühlt haben. Aber auch das war anders: Hier waren solche Situationen eher die  Ausnahme, die Pädagogen waren sich selbst dessen größtenteils bewusst, und die Klasse rebellierte dagegen. Bei Frau Haase dürfen und sollen die Kinder mit ihr diskutieren. Obwohl sie am Ende als Klassenlehrerin den Daumen drauf hat, gibt es Auseinandersetzungen, und die Kinder werden dazu angehalten, Farbe zu bekennen.

Diesen Ansatz finde ich sehr wichtig, es ist der Kern von Frau Haases Erziehung – ein Begriff, der gerade in Deutschland sehr belastet ist. Hier wird Schule vor allem als Ort der Bildung gesehen. Frau Haase provoziert eine ganze Menge Leute mit ihrem Standpunkt, daß sie eben gerade auch erziehen will und nicht nur ausbilden. Aber von der schwarzen Pädagogik, die den Begriff „Erziehung“  nachhaltig diskreditiert hat, ist sie himmelweit entfernt. In der Szene ihrer Supervisionssitzung zeigt sie, dass sie sich aktiv mit der Ambivalenz ihrer Autorität auseinandersetzt – und sie lässt das im Film öffentlich werden. Das finde ich ebenso mutig wie sympathisch.

Halten Sie das Modell der Fläming-Schule, wie sie es erlebt haben, für allgemein anwendbar  oder stellt es eher eine Insel der Seligen dar, wo Mittelstandskinder mit einigen Behinderten zusammen sehr behütet aufwachsen?

Der Film zeigt eine Integrationsklasse im Extrem, mit einem 25-prozentigen Anteil von behinderten Kindern. Für die Aussage des Films ist es aber nicht wichtig, ob es um die Integration von Behinderten oder um Kinder von Migranten oder aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Integration ist generell relevant.

Das Leitmotiv der Fläming-Schule heißt: Nicht aussondern. Das gilt ganz bewusst auch für den normalen Schulbetrieb. Für möglichst alle Schwierigkeiten, tauchen sie nun bei Schülern oder Lehrern auf, sollen Lösungswege gefunden und angeboten werden. Man nimmt ernst, dass jede Schule Problemklassen, Problemkinder und auch Problemlehrer erzeugen kann. Die Frage ist, ob die Schule – oder besser: die Schulen generell – so ehrlich sind zu sagen: Wenn hier jemand nicht klar kommt, dann ist das nicht nur sein eigenes, individuelles Problem, sondern eine Herausforderung an die Haltung der Schule als gesellschaftlicher Mikrokosmos.

Die Mittel, die wir über die öffentlichen Haushalte in Bildung stecken, müssten langfristig anders strukturiert sein. Sehr viele Sozialkosten, die durch Verhaltens-, Kenntnis- und Fähigkeitsdefizite entstehen, könnte man sparen, wenn man genügend in die Entwicklungszeit der Kinder investierte. Alle anderen Maßnahmen zum Thema Bildung und Schule halte ich im Vergleich zu dieser Grundhaltung für zweitrangig.

„Dieses Rumschreien, das kannte ich eigentlich nicht von meiner alten Lehrerin. Auch von der Lehrerin davor nicht. Also, von der alten kannte ich das schon. Aber da hat es eigentlich nie mich betroffen. Also, es war... Ich kann einfach sagen: Es ist ein Riesenunterschied gewesen. Da war einfach auch die Anforderung nicht so hoch. Die wurde minimal gehalten. Und da hatte ich dann wirklich immer nur Einsen und Zweien.“ (Christian)
Interview

Auf Augenhöhe – Interview mit Hubertus Siegert

Was hat Sie daran gereizt, einen Film über diese Schulklasse zu machen?

Ich wollte beobachten, wie sich die verschiedenen Kinder in dieser ungewöhnlichen Klasse entwickeln, und herausfinden, wie man das zu einem Film zusammen fügen kann. Ich wollte also nicht das Konzept dieser Schule dokumentieren, sondern sehen, was in der Klasse passiert. Ich wollte die Kinder kennenlernen. Es ist ja nicht so, dass da eine Integrationsklasse aus behinderten und begabten Kindern besteht und gleich alles problemlos läuft, nur weil man es gut findet. Mich haben  die Widersprüche gereizt, die bei der Umsetzung von Konzepten notwendig immer entstehen. Gerade die bestimmende Art der Klassenlehrerin war für mich bei den Dreharbeiten mindestens so eine Herausforderung wie die gleichberechtigte Anwesenheit der Behinderten.

Ein anderer Aspekt für mich war, dass über Bildung viel geredet wird, wobei kaum einer weiß, wie das heute im Alltag aussieht, wie sich Unterricht für Kinder anfühlt. Gerade die Diskussion um die PISA-Studie ist viel zu abstrakt, und die emotionale Einschätzung von Schule basiert bei den meisten Leuten auf der Erinnerung an ihre eigene Schulzeit, aus der dann eine Idealvorstellung abgeleitet wird, also entweder „Genauso, bitte!“ oder „Unbedingt ganz anders!“. Klassenleben sollte eine Auffrischung aus einer ganz anderen Richtung werden. Ich fand es spannend, einen emotionalen Raum für die Auseinandersetzung mit Pädagogik zu öffnen.

War Nicolas Philiberts Film ‚Sein und Haben‘ ein Vorbild für Sie?

Der Erfolg von ‚Sein und Haben‘ hat gezeigt, dass es ein Kinopublikum gibt für reale Kinder in einer realen Schule. Das hat bei der Finanzierung des Films durchaus geholfen.

Ich hatte aber von vornherein ein anderes  Konzept als Philibert. Ich habe mich weniger für die Lehrer interessiert, sondern wollte konsequent die Perspektive der Kinder einhalten und ihre Standfestigkeit, Zweifel und Gefühle verfolgen. Je näher man den Kindern ist, desto sichtbarer werden die Widersprüche in den Wirkungsmöglichkeiten der Pädagogik: Es klappt eben nicht immer so, wie die Lehrerin es sich vorstellt, und nicht allzu selten klappt es trotzdem.

‚Klassenleben‘ setzt eine große Offenheit aller Beteiligten voraus. Wie haben Sie die Schule und Lehrer und vor allem die Kinder und Eltern zum Mitwirken bewegen können?

Ich hatte das große Glück, dass die Schule mich von Anfang an unterstützt hat und es eine große Bereitschaft gab, die Schule ungeschönt zu präsentieren; von der Direktorin Elke Hübner über die Klassenlehrerin Gudrun Haase bis zu Fred Ziebarth, der in seinem Bereich der sonderpädagogischen Integration ein Pionier ist. Ich habe mein Konzept ohne Rückbehalte vorgestellt, und wir haben mit den Eltern und den Kindern offen darüber gesprochen, was es bedeuten kann, sich öffentlich auf der Leinwand zu sehen und sich damit auseinander setzen müssen, wie man rüberkommt. Auf dieser Grundlage haben wir dann entschieden, den Film zu machen.

Alle Beteiligten hatten ein Vetorecht gegen die Verwendung einzelner Aufnahmen. Bei den Sichtungen in den verschiedenen Phasen des Filmschnitts gab es dann auch längere Diskussionen zu einzelnen Szenen oder Sätzen, allerdings nie zu der grundsätzlichen Haltung und Perspektive des Films. Diese Diskussionen waren sehr wichtig, sowohl für uns als Filmemacher als auch für die Beteiligten. Manches haben wir verändert – besonders wenn wir gemerkt haben, dass wir eigenen Klischeevorstellungen aufgesessen waren. Die meisten Punkte konnten wir aber in der direkten Auseinandersetzung verständlich machen. Unabhängig von aller Überzeugungsarbeit: Letztlich bin ich den Eltern, Kindern und Lehrern für ihr großes Vertrauen einfach dankbar.

Wie haben Sie die Dreharbeiten mitten im Schulgeschehen erlebt?

Es war zunächst mal ein enormer Stress, ein dauernder diplomatischer Balanceakt in der Kommunikation mit den Lehrern und Kindern. Bevor die Kamera läuft, versucht man sich zu verabreden – was in der Dynamik eines Schultages dann oft nicht klappt, aber doch immer wieder nötig ist. Wenn die Kamera dann läuft, muss man ständig abwägen, was man macht und auf was man verzichtet, um die Klasse nicht zu stören. Man weiß nicht, was als nächstes passiert, ob es filmenswert ist, ob es zu etwas bereits Gedrehtem passen könnte, ob man, was die schlimmste Frage ist, noch etwas braucht, um eine Situation oder einen Strang zu Ende erzählen zu können. Wenn man im Dokumentarfilm ohne Kommentar arbeitet, dann ist es einfach schwierig, aus beobachteten Situationen genügend Steinchen für ein 90minütiges Mosaik zu gewinnen. Gegen Ende der Dreharbeiten, als schon viele Eckpunkte für die Filmerzählung feststanden, war ich sehr viel gelassener. Erstaunlich finde ich, dass mein Stress zumindest den Kindern nicht im Gedächtnis geblieben ist. Das Team hat mich leider auch anders erlebt.

 Eine andere wesentliche Erfahrung war für mich, dass die Beobachtung des Klassenlebens sehr stark mit meiner eigenen Anteilnahme verknüpft war. In den Konflikten zwischen Pädagogen und Kindern z.B. habe ich mich auf Seiten der Schüler gefühlt, was dazu geführt hat, dass ich entsprechend berührt, wütend, enttäuscht, erstaunt oder auch begeistert war. Besonders beeindruckt hat mich der Umgang mit Lena, dem schwer kranken Mädchen in der Klasse, mit der ich nur über körperliche Berührungen Kontakt aufnehmen konnte. Wenn sie plötzlich aus der Bewegungslosigkeit ihrer Lähmung erwachte, war das überwältigend, da sie ganz offensichtlich auf die Stimmung der Klasse reagierte. Dass einige Kinder sie in der Vorschule noch als ganz gesundes Mädchen erlebt hatten, hat solche Momente besonders intensiv gemacht.

Glauben Sie, dass die Filmaufnahmen und die Anwesenheit der Kamera das Verhalten der Kinder beeinflusst haben?

Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Kinder davon sehr beeindruckt waren. Im Laufe der Dreharbeiten wurde unsere Präsenz für die Kinder auch immer selbstverständlicher und fließender, bis sie sich eigentlich nur noch mit ihren eigenen Dingen beschäftigt haben. Vielleicht haben einige das, was uns offensichtlich interessiert hat, intensiver betrieben, als sie es sonst getan hätten. Schwieriger war die Situation wahrscheinlich für die Lehrer, die unter Beobachtung der Kamera noch einmal ganz anders auf dem Prüfstand stehen. Den Mut und die Bereitschaft, auch Grenzen sichtbar werden zu lassen, haben mich sehr beeindruckt.

Die Kinder reflektieren im Film viel über sich und die Klasse. Warum haben Sie dafür die Form desVoice Over gewählt?

Diese Entscheidung haben wir während der Dreharbeiten getroffen. Es war klar, dass wir die Dichte, die wir im Film wollten, nicht allein durch beobachtete Szenen hinbekommen würden. Wir wollten also die Statements der Kinder, aber den Fluss der Szenen nicht durch Interviewbilder unterbrechen und auseinanderreissen – die Bildebene sollte dem Klassenleben vorbehalten sein. Eine Ausnahme ist die Klassenlehrerin, die bei einer Supervision ihres Teams über ihren Konflikt mit einem der Kinder spricht  – diese Szene erinnert im Film an eine Interviewsituation und setzt sich in der Form bewusst von den Erzählungen der Kinder ab.

Wie fanden die Kinder den fertigen Film?

Alle haben überraschend sentimental reagiert. Sie waren von der Stimmung des Films und ihrer eigenen Ausstrahlung als Klasse sehr beeindruckt und fanden, dass sie „damals“, bei den Dreharbeiten ein halbes Jahr zuvor, „irre aktiv“ gewesen seien. Das Erstaunliche war, dass die Kinder ihre Gegenwart in der Klasse nach dem Film als weniger intensiv und aktiv empfunden haben, obwohl mir die Klassenlehrerin bestätigte, daß sich seitdem nichts Wesentliches geändert habe. Die Ausdrucksmöglichkeiten eines Kinofilms bewirken offenbar ein bigger than life-Phänomen, das die eigene unmittelbare Erinnerung übersteigt. Das hat mich überrascht.

War die Arbeit an ‚Klassenleben‘ für Sie auch eine Art Zeitreise in Ihre eigene Schulzeit?

Meine Schule hatte so wenig mit dem zu tun, was ich an der Fläming-Schule gesehen habe, dass mir die Monate, die ich dort war, nie als Zeitreise vorgekommen sind. Den Konflikt zwischen Lehrerautorität und Selbstorganisation der Kinder, den ich dort erlebt habe und der im Zentrum des Films steht, kannte ich aus meiner Schulzeit nicht. Damals regierte eine Lehrerautorität, die Unterricht als Ansetzen des ‚Nürnberger Trichters‘ auf die Kinderköpfe verstanden hat.

Ich hatte ein paar Deja-Vu-Situationen, als die Kinder sich ungerecht behandelt gefühlt haben. Aber auch das war anders: Hier waren solche Situationen eher die  Ausnahme, die Pädagogen waren sich selbst dessen größtenteils bewusst, und die Klasse rebellierte dagegen. Bei Frau Haase dürfen und sollen die Kinder mit ihr diskutieren. Obwohl sie am Ende als Klassenlehrerin den Daumen drauf hat, gibt es Auseinandersetzungen, und die Kinder werden dazu angehalten, Farbe zu bekennen.

Diesen Ansatz finde ich sehr wichtig, es ist der Kern von Frau Haases Erziehung – ein Begriff, der gerade in Deutschland sehr belastet ist. Hier wird Schule vor allem als Ort der Bildung gesehen. Frau Haase provoziert eine ganze Menge Leute mit ihrem Standpunkt, daß sie eben gerade auch erziehen will und nicht nur ausbilden. Aber von der schwarzen Pädagogik, die den Begriff „Erziehung“  nachhaltig diskreditiert hat, ist sie himmelweit entfernt. In der Szene ihrer Supervisionssitzung zeigt sie, dass sie sich aktiv mit der Ambivalenz ihrer Autorität auseinandersetzt – und sie lässt das im Film öffentlich werden. Das finde ich ebenso mutig wie sympathisch.

Halten Sie das Modell der Fläming-Schule, wie sie es erlebt haben, für allgemein anwendbar  oder stellt es eher eine Insel der Seligen dar, wo Mittelstandskinder mit einigen Behinderten zusammen sehr behütet aufwachsen?

Der Film zeigt eine Integrationsklasse im Extrem, mit einem 25-prozentigen Anteil von behinderten Kindern. Für die Aussage des Films ist es aber nicht wichtig, ob es um die Integration von Behinderten oder um Kinder von Migranten oder aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Integration ist generell relevant.

Das Leitmotiv der Fläming-Schule heißt: Nicht aussondern. Das gilt ganz bewusst auch für den normalen Schulbetrieb. Für möglichst alle Schwierigkeiten, tauchen sie nun bei Schülern oder Lehrern auf, sollen Lösungswege gefunden und angeboten werden. Man nimmt ernst, dass jede Schule Problemklassen, Problemkinder und auch Problemlehrer erzeugen kann. Die Frage ist, ob die Schule – oder besser: die Schulen generell – so ehrlich sind zu sagen: Wenn hier jemand nicht klar kommt, dann ist das nicht nur sein eigenes, individuelles Problem, sondern eine Herausforderung an die Haltung der Schule als gesellschaftlicher Mikrokosmos.

Die Mittel, die wir über die öffentlichen Haushalte in Bildung stecken, müssten langfristig anders strukturiert sein. Sehr viele Sozialkosten, die durch Verhaltens-, Kenntnis- und Fähigkeitsdefizite entstehen, könnte man sparen, wenn man genügend in die Entwicklungszeit der Kinder investierte. Alle anderen Maßnahmen zum Thema Bildung und Schule halte ich im Vergleich zu dieser Grundhaltung für zweitrangig.

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