Hintergrund

"Auftrag der Schule ist es, alle wertvollen Anlagen der Schülerinnen und Schüler zur vollen Entfaltung zu bringen und ihnen ein Höchstmaß an Urteilskraft, gründliches Wissen und Können zu vermitteln. Ziel muss die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, welche fähig sind, der Ideologie des Nationalsozialismus und allen anderen zur Gewaltherrschaft strebenden politischen Lehren entschieden entgegenzutreten sowie das staatliche und gesellschaftliche Leben [...] zu gestalten. Diese Persönlichkeiten müssen sich der Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit bewusst sein und ihre Haltung muss bestimmt werden von der Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen. [...] Die Schülerinnen und Schüler sollen lernen, für sich und gemeinsam mit anderen zu lernen und Leistungen zu erbringen sowie ein aktives soziales Handeln zu entwickeln." (Schulgesetz Land Berlin, 2004)

Die Fläming-Schule

Die Fläming-Grundschule begann 1975 als erste staatliche Grundschule in der Bundesrepublik Deutschland mit dem gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen. Der historische Anstoß für die integrationspädagogische Öffnung unserer Schule kam von einer Elterngruppe des Kinderhauses Friedenau, einer Kindergarteneinrichtung, in der bis heute Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam aufwachsen und deren Eltern eine integrative Beschulung ihrer Kinder wünschten. Ab 1989 haben wir diese Arbeit so erweitert, dass heute in allenKlassenleben Klassen Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam unterrichtet werden und grundsätzlich keine Behinderungsart ausgeschlossen wird.

Integration seit 1975

Die Schule hat vier Klassen auf jeder Jahrgangsstufe. Drei dieser Klassen haben eine reguläre Ausstattung, wie sie jeder Berliner Grundschule zusteht. In jeweils einer Jahrgangsklasse findet sich eine Häufung von Kindern mit sehr umfangreichen Behinderungen, die mit zusätzlichen Erzieher- und Lehrerstunden ausgestattet sind (sog. Fläming-Klasse). Von den ca. 630 Schülern sind etwa 60 Kinder, die sonderpädagogischen Förderbedarf benötigen. Einige haben schwerste Mehrfachbehinderungen sowie Körper- oder Sinnesbehinderungen, andere sind geistig behindert oder weisen Lern- oder Sprachauffälligkeiten auf. Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten, also mit emotionalen und sozialen Entwicklungsproblemen, finden sich üblicherweise in vielen Klassen und haben eher selten den Status eines Schülers oder Schülerin mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Dennoch benötigen gerade sie besondere Aufmerksamkeit und professionelle Hilfe.

In den letzten Jahren haben wir uns zudem auch der Integration von fortschreitend erkrankten Kindern angenommen. Damit wurde es notwendig, sich mit der Thematik des Sterbens auseinanderzusetzen und zu überlegen, wie der Umgang mit dem Tod und der Trauer in den pädagogischen Prozess einer Grundschule einzubringen ist.

Unser pädagogisches Selbstverständnis hat sich durch diese Arbeit tiefgreifend verändert. Dies lässt sich am deutlichsten in der Veränderung der wichtigen Frage nach den Eingangsvoraussetzungen aufzeigen. Üblicherweise stellen Schulen (und in abgewandelter Form auch andere Institutionen) die Frage: Wie muss ein Kind sein, damit es an unserer Schule unterrichtet werden kann? Wir versuchen dagegen, unsere Schule nach einem Leitmotiv auszurichten, das sich in der umgekehrten Frage Klassenlebenwiderspiegelt: Wie müssen wir unsere Schule gestalten, damit hier jedes Kind unterrichtet werden kann? Diese Umkehrung hat weiterreichende Auswirkungen auf die Gestaltung einer Schule und die in ihr ablaufenden Beziehungsprozesse. Es verändert sich besonders die Sichtweise darauf, wer beim Auftreten von Problemen die Verantwortung trägt bzw. wer für deren Vermeidung, Lösung oder Linderung zuständig ist. Schwierigkeiten werden nach diesem Verständnis nicht mehr dadurch „gelöst“, dass diejenigen, die Schwierigkeiten machen oder machen könnten ausgesondert werden bzw. gar nicht erst aufgenommen werden.

Konflikte lösen statt vermeiden

Es geht vielmehr darum anzuerkennen, dass Konflikte zum Alltag einer Schule gehören, zu deren Bewältigung möglichst zweckmäßige und kreative Problemlösungsstrategien (Supervision, Fallbesprechungen, Elternarbeit, therapeutisch orientierte Fördermaßnahmen etc.) entwickelt und etabliert werden müssen. Den vielfältig auftretenden Problemen muss in so angemessener Form begegnet werden, dass spürbare Entlastung für die betroffenen Personen eintreten kann. Die gemeinsame Bewältigung von alltäglichen kleinen und größeren Konflikten trägt dann auf Dauer zum persönlichen Wachstum und zur Entfaltung der Lebendigkeit aller Beteiligten bei. KlassenlebenBehinderungen, Auffälligkeiten und Störungen und ihre professionelle Bearbeitung werden damit zum akzeptierten Bestandteil von Pädagogik.

In den Anfangsjahren unserer Arbeit stand in erster Linie die Entwicklung integrationsspezifischer Förder- und Unterrichtsmodalitäten im Vordergrund. Um den sehr unterschiedlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Schüler Rechnung zu tragen, wurde der Unterricht in den verschiedenen Integrationsklassen binnendifferenziert organisiert. Es ging darum, den Lernstoff so anzubieten, dass möglichst jedes Kind auf seinem Niveau am Unterricht teilhaben konnte. Entweder wurde ein Lerngegenstand zur gleichen Zeit von verschiedenen Kindern auf unterschiedliche Weise bearbeitet oder verschiedene Kinder oder Kindergruppen konnten sich zur gleichen Zeit mit unterschiedlichen Themen und Aufgaben beschäftigen. Der Unterricht wurde möglichst anschauungs- und handlungsorientiert ausgerichtet.

Lernen alle genug?

In vielen Integrationsklassen zeigten sich deutliche Einflüsse der Freinetarbeit, der Montessori- oder der Gestaltpädagogik. Tages- oder Wochenpläne dienten als oft genutzte Lerngrundlage Nachdem sich diese pädagogischen Veränderungen bewährt und eingespielt hatten, wurden sie zum integralen Bestandteil unserer Arbeit und sind es bis heute geblieben.

„Lernen alle genug?“, war anfangs die besorgte Frage von Eltern und Schulpolitikern. Vergleichende Untersuchungen folgten und ergaben, dass alle Schülerinnen und Schüler dieser Klassen genug lernten und darüber hinaus soziale Kompetenzen erwarben, die VergleichsgruppenKlassenleben in den Regelklassen nicht aufwiesen. Immer mehr Eltern wünschten sich die Aufnahme ihrer Kinder in Integrationsklassen. Ein Trend, der bis heute anhält. Auch an den weiterführenden Schulen sind unsere Schülerinnen und Schüler gern gesehen, und sie sind erfolgreich.

Um die Integrationsarbeit angemessen fortführen zu können, besteht seit Anfang der 80er Jahre eine kontinuierliche Kooperation mit der Sophie-Scholl-Gesamtschule.

Eine Schule für alle....

... sollte akzeptieren, dass Konflikte notwendiger Bestandteil des pädagogischen Prozesses sind, die ein möglichst reichhaltiges und kreatives Bearbeitungsinstrumentarium benötigen, um bewältigt zu werden und die nicht vertuscht, unterdrückt oder durch Aussonderung abgeschafft werden müssen.

... wird beschenkt durch die Erfahrung, dass Anerkennung und Zuneigung nicht nur denen zuteil werden, die stark, schön und leistungsfähig erscheinen.

Erfahrungen übertragen

Als wir in den 70er Jahren mit der gemeinsamen Unterrichtung begannen, gab es für diese Idee nur wenig unterstützende Stimmen. Sehr viel stärker waren Skepsis und Widerstände von den verschiedensten Seiten, nicht zuletzt von vielen Experten. KlassenlebenAm humanitären Grundgedanken der Nichtaussonderung (heute „Inklusion“ genannt) und seiner bereichernden und heilsamen Wirkung für alle Beteiligten zweifelt heute kaum jemand, der wirklich mit unserer Schule in Berührung gekommen ist.

Zum Schuljahr 1997/98 hat die Fläming-Grundschule als erste Berliner Grundschule die Anerkennung als „Schule besonderer pädagogischer Prägung“ erhalten. Dies bedeutet neben der Würdigung unserer pädagogischen Praxis vor allem den Fortbestand unserer Arbeit in Zeiten knapper finanzieller Möglichkeiten. Wünschenswert ist uns jedoch nicht die Hervorhebung des Besonderen, sondern unser Anliegen ist vielmehr, dazu beizutragen, daß die gewonnenen Erfahrungen mit der gemeinsamen Unterrichtung aller Kinder konsequent auf alle staatlichen Schulen übertragen und damit noch viel intensiver als bisher ausgeweitet werden können.

Text: Fred Ziebarth (SonderpÄdagogischer Koordinator) und Elke HÜbner (Schulleiterin)

 

Presseheft als PDF (1 MB)

 

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